– Wie geht es mir jetzt? Ich bin ERSCHÖPFT. Ich darf ERSCHÖPFT sein

Als Kind ist es für die Entwicklung des Kindes von enormer Bedeutung, dass die Eltern und das Umfeld auf das Kind eingehen. Was bedeutet das ‚auf das Kind eingehen‘? Es bedeutet unter anderem folgendes:

  1. Dem KIND zuhören
  2. Das KIND ernst nehmen

In meiner Familie war dies jedoch leider nicht so (meine Meinung). Spätestens sobald mein Vater zuhause war, drehte sich die Aufmerksamkeit meiner Mutter darum meinen ‚psychisch kranken‘ Vater glücklich zu machen. Da gab es keinen Platz mehr für mich, meine Gedanken und meine Bedürfnisse. Also sass ich still da und wartete. Ich war sozusagen unsichtbar geworden. Doch nun kommt es in meiner Erzählung leider noch schlimmer: Mein Vater war mir nicht gut gesinnt (wenigstens manchmal) und so wurde ich zur Zielscheibe. Das bedeutet, dass ich in meinen Bedürfnissen nicht nur zu wenig gesehen bzw. ignoriert wurde, sondern auch aktiv abgewertet wurde.

Was hat das bzw. hatte das für Konsequenzen für mein weiteres Leben? Genau an diesem Punkt möchte ich nun weiterfahren:

Um meine Eltern und allen voran meinen Vater glücklich zu machen, musste ich seinem Ideal entsprechen. Und um dieses Ideal zu verstehen, musste ich seine Gedanken adaptieren. Weil ich das gefühlt tun musste, habe ich nie gelernt auf meine eigenen Gedanken zu hören bzw. diese ernst zu nehmen bzw. diese nicht zu ignorieren. So lebte in mir lange Jahre so etwas wie eine fremde Stimme, die immer gemein zu mir war. Nichts, was ich tat erfüllte mich. Ich habe der Stimme nur immer gefolgt, weil sich ansonsten eine schreckliche Stimme melden würde. Die Stimme, die meinte, dass ich sterben würde, würde ich ihr nicht gehorchen. Von dieser Stimme loszukommen schien mir unmöglich, weil ich erstens nun mehr diese Stimme kannte und zweitens schreckliche, unerklärliche Angst bekommen hätte, falls ich der Stimme nicht folgte bzw. gehorchte. Dementsprechen fühlte ich mich leer und unfrei. Doch dieser letzte Satz kann ich erst jetzt, sozusagen retrospektiv, sagen, weil ich damals komplett keinen Zugang zu meinen Gefühlen hatte. Dementsprechend anfällig war ich für Verschwörungstheorien aller Art. Irgendwo musste es einen Puppetmaster geben auf dieser Welt so wie es meine Stimme in meinen Kopf auch war. Wir alle Menschen waren unfrei und gehorchten einfach dem System. Dem System der Stimme. Bevor ich mein eigenes Leid wirklich erkennen konnte, suchte ich die Wahrheit im Aussen und das bedeutete, dass ich die Gesellschaft und ihre Institutionen ablehnte und ihnen misstraute. Dies jedoch schadete mir selbst am Meisten. Ein Beispiel: Als der SwissPass neu auf den Markt kam und mein altes blaues Halbtaxkärtchen ablöste, weigerte ich mich fortan für einige Jahre ein Halbtax zu lösen. Warum? Weil ich nun den Datenschutz gefährdet sah. Jedes Mal, wenn ein Kontrolleur oder eine Kontrolleurin mich kontrollieren würde, würde nun eine Datenspur über mich entstehen. Man könnte und würde mich damit vermehrt überwachen. Davon war ich überzeugt, weil mich meine eigene Stimme (bzw. die, die Stimme meines Vaters verkörperte) ja auch überwachte.

Ich und mein Vater 2003.

Also fuhr ich jahrelang ohne Halbtax und bezahlte so jahrelang fast doppelt so viel Geld für die Tickets. Bereue ich das? Nein. Empfinde ich Scham darüber? Nein.

Wie entwickelte sich mein Leben weiter?

2020 bekam ich Zwangsgedanken. Einmal erzählte ich einem mir nahestenden Menschen den Inhalt dieser Gedanken. Die Person reagierte nicht ABLEHNEND und das erleichterte mich enorm. Doch dann überlegte ich mir noch einmal, was ich dieser Person erzählt hatte. Dann kam ich zum Schluss, das dies zu belastend sein muss für diese Person. Dann realisierte ich, dass ich Hilfe benötigte. Fortan ging ich zu einem Psychiater. Dort realisierte ich, dass meine Zwangsgedanken inhaltlich gesehen gar nicht wahr waren.

Doch was bedeuten diese Zwangsgedanken und wie konnte ich den Sinn dieser richtig einordnen?

In den letzten sechs Jahren kam ich zu folgender Antwort: Die Zwangsgedanken waren ein Ausdruck meiner Angst, welche ich bisher (gar) nicht auf meinem Schirm hatte.

Ich begann nun auch mir selbst Fragen zu stellen. Zum Beispiel: «Habe ich Angst?» Leider und zu meinem Entsetzen war die Antwort fast immer ja. Klar war, und ist, es schrecklich Angst zu haben, doch durch die Zwangsgedanken wurde mir wie bewusst, dass die Angst so oder so ihren Platz einnahm und es nun nur noch darum ging einen Zugang zu ihr zu erhalten.

Heute kann ich sagen, dass ich einen immer besseren Zugang zur Angst und jetzt auch immer mehr zu anderen Gefühlen finde. In der Konsequenz fühlt sich mein Leben lebendiger an. Ich habe das Gefühl, dass ich mich selbst bin.